Version 2

Ausschnitt aus der “NEW YORK TIMES” vom 27.6.1967, Seite 2 :

Rätselhafter Fund in Nagoya! Ein Archäologenteam unter Leitung des auch im Ausland hochgeschätzten Professor Mifune steht vor einem Mysterium: Bei den Grabungsarbeiten in der Nähe des Dorfes Toyohashi fand man 2 fast lebensgroße Bronzestatuen, die offenbar einen König und dessen Gemahlin darstellen sollen.

Das Alter des Fundes ist jedoch auf keinem der herkömmlichen Wege festzustellen. Zudem sind die Statuen laut Professor Mifune keiner uns bekannten Epoche zuzuordnen, was umso seltsamer anmutet, da das schon berühmte königliche Pärchen erstaunlich feine Gesichtszüge aufweist und auch sonst in einem hervorragenden Zustand ist. Der Professor deutete ausdrücklich an, daß es sich hier um einen absoluten Sonderfall handele, der viel Zeit in Anspruch nehmen würde. Er wolle sich auf jeden Fall für einen Platz im Tokioer Nationalmuseum einsetzen.

Ausschnitt aus der “NEW YORK TIMES” vom 27.6.2009, Seite 1

Eine verschwundene Statue findet sich im Hafen wieder! Tokio. Heute morgen gegen 11 Uhr alarmierte ein Wärter des Nationalmuseums die Polizei: Eine Statue sowie einige kleinere Gegenstände waren spurlos verschwunden. Es gab nach einer näheren Untersuchung weder Anzeichen für einen Diebstahl, noch liessen sich sich überhaupt Spuren irgendwelcher Art finden. Polizei und Direktion stehen vor einem Rätsel: Bei der verschwundenen Statue handelt es sich es sich um die Königsfigur des berühmten “Nagoya-Paares”, eines Fundes, der nie genau bestimmt oder eingeordnet werden konnte. Die Bronzestatue ist immerhin über 900kg schwer und hätte nur zwischen 9 und 11 Uhr entwendet werden können, da alle 2 stunden ein Rundgang stattfindet. Wie es zum Verschwinden der Statue und der übrigen Gegenstände (Es handelt sich um einen Dolch mit einigen Bekleidungsteilen) kommen konnte, erscheint deshalb immer rätselhafter, wobei sich die Frage nach einem Motiv noch gar nicht einmal stellt. Nicht einmal 2 Stunden nach der Alarmierung traf von der Tokioer Hafenpolizei die Nachricht ein, man habe im Hafengebiet ein Boot sichergestellt, in dem sich nichts anderes als die genannten Gegenstände befanden!

Es handelte sich um ein Fischerboot, wie es eigentlich nur im Mittelalter benutzt wurde; zur zeit überprüfen Experten, ob es ein Neubau sein könnte. Das Boot muß eine weite Strecke über das offene Meer getrieben sein, und das mit den völlig unversehrten Museumsgegenständen an Bord! Außer einer leichten Radioaktivität ließ sich nach einer ersten Untersuchung nichts feststellen, was Aufschlüsse über das unbegreifliche 2stündige Verschwinden geben könnte. Der Direktor des Museums ist nach seinen Worten gar nicht an einer Aufklärung interessiert, er verwies auf die mystische Vorgeschichte der NagoyaFunde und hielt eine Untersuchung für aussichtslos. Wir unterrichten Sie, falls weitere Einzelheiten bekannt werden….

Ausschnitt aus der NEW YORK TIMES vom 11.7.2009, Seite 4

Reinkarnations-Experiment liefert sensationelle Aufschlüsse! Bei einer parapsychologischen Versuchsreihe der Tokioer Universität kam es zu einem brisanten Protokoll, das einen Aufschluß über den noch ungeklärten Vorgang im Nationalmuseum zuläßt (Wir berichteten): Eine männliche Versuchsperson sagte unter Hypnose aus, er heiße Toshiro Tawamure und sei vor 2 Wochen verschwunden. Das darauffolgende Protokoll dürfte Anlaß zu erheblichen Unruhen nicht nur innerhalb der Fachwelt geben, man wollte es sogar zunächst geheimhalten, da mit einer Beunruhigung der Bevölkerung gerechnet wird. Aber hier nun das sensationelle Protokoll des “Toshiro Tawamure”:

“Ich ging wie immer recht zielstrebig auf den kleinen Raum zu, den ich so gut kannte, daß er mir wie ein Zuhause schien. Das Gefühl, gar nicht einmal zu wissen, was ich hier suchte, war irgendwie ein Genuß ganz besonderer Art, verstärkte die Stimmung nur noch, in der ich mich befand, in die ich immer hineingeriet, sobald ich mich dem Museum überhaupt näherte. Alles, was sich auf meinem Weg durch die Gänge befand, erschien mir fast wie ein Vorspiel auf das Folgende. Während der letzten Jahre war ich mit Sicherheit empfindlicher geworden, aber in diesem Punkt kam ich einfach nicht weiter. Was sollte ich denn tun? Es zog mich einfach hierher, und das Gefühl danach war so wunderschön - ich war entspannt, gelöst, als seien 1000 Jahre vergangen, harte, aber herrliche Jahre. Ich war abhängig vom Anblick der Beiden.

Manchmal war ich jeden zweiten Tag hier, kam aus der grauen Alltagswelt hinein zu den großen Statuen, die mich aufnahmen wie stumme Freunde, sie schienen mich zu begrüssen. Stundenlang konnte ich hier verweilen. in ihren Gesichtern lesen. Er war stets so neutral, als sei in ihm alles offen, läge eine große Zukunft vor ihm. Sie hingegen sieht durch mich hindurch in die Ferne oder die Vergangenheit, als würde sie sich nach etwas sehnen,was sie einmal war oder sein wird. Ich fragte mich oft, ob die beiden überhaupt zusammengepaßt haben. Auch an diesen Vormittag brauchte ich den Anblick und die Gemeinschaft mit ihnen. Um diese Zeit ist das ganze Museum meist kaum besucht, ich habe es fast für mich allein. An diesem Tag fiel mir auf, daß eine kleinere, ältere Frau hinter mir herging. Langsam wurde ich unruhig und beeilte mich umsomehr, zu meinem Raum zu kommen. Die innere Anspannung wuchs ins Unerträgliche, als ich um die altbekannte Ecke bog. Dann blieb ich abrupt stehen: Die Statue des Königs war verschwunden!

Ich konnte es einfach nicht fassen. Sie wartete auf mich wie immer, aber der Platz an ihrer Seite war leer. Der Boden unter meinen Füssen schien zu schwinden, ich sah einen tiefen schwarzen Abgrund unter mir, wollte fallen, schlafen, vergessen. Aber er war weg.

“Du wirst etwas tun müssen.” Ich zuckte zusammen: Die kleine, alte Frau von vorhin war lautlos neben mich getreten und schien sich nicht im mindesten über das Verschwinden des Königs zu wundern. Ich war noch so verwirrt, daß ich nicht antworten konnte. “Du bist ja nicht umsonst so oft hier … ” Sie sah mich aus lächelnden und zugleich wissenden Augen an. Dann aber wurde sie ernst und ich sah, daß sie eigentlich ein sehr trauriges Gesicht hatte, als sie auf den Platz deutete, der neben der Königin gähnte. “Warum bist Du so überrascht? Hast Du es nicht die ganze Zeit schon geahnt?” Langsam hatte ich mich wieder gefaßt: “Ich weiß nicht, woher Sie das alles wissen, oder was Sie von mir wollen. Aber ich glaube, Sie wissen mehr über diese beiden als …. ” - ” …. als diese Archäologen?”, murmelte sie, “Ja, allerdings. Die wissen fast gar nichts über sie und ihn.” Ich wurde neugierig. Was wußte sie und woher? “Wie alt sind die beiden?” fragte ich schnell.

Sie zog die dünnen Augenbrauen hoch und winkte ab: “Ooh, sehr, sehr alt. Aber ist das wichtig?” - “Das weiß ich nicht. Was ist wichtig?”

Ihre Augen bekamen wieder diesen melancholischen Glanz: “Du kennst die Geschichte noch nicht.” Sie drehte sich zur Statue der Königin um und begann zu erzählen:

“Seifuku Subarashii Tenno war erst 20 Jahre alt, als er von einem Orakel auf die Suche geschickt wurde. Er sammelte riesige Heerscharen auf seinem Weg, um die Prinzessin Kikori Shiramoto zu finden, wie ihm aufgetragen war. Er stürmte die riesige Festung Yosai, von der heute nichts mehr zu finden ist, und riß große Landstriche an sich. Das halbe Land lag ihm zu Füssen, aber er mußte immer weiter, war rastlos und unzufrieden. Man verehrte und fürchtete ihn, aber das Volk verstand ihn nicht. Erst als er sich in noch jungen Jahren zum Tenno emporgekämpft hatte, fand er Kikori. Er forderte sie als Frau, die beiden heirateten. Aber er mußte schnell feststellen, daß nicht sie es war, was er suchte. Seifuku war ratlos, fühlte sich hintergangen, alleingelassen. Kikori merkte es ihm an, aber sie wußte ihm nicht zu helfen. Da ihr Mann sie nicht lieben konnte, verfiel sie in eine tiefe Trauer. Wenn Du genau hinsiehst, erkennst Du ihre Traurigkeit heute noch. Seifuku selber kam aus seiner Ratlosigkeit nie wieder heraus und versank in Gleichmut. So wich aus beiden die Lebensfreude wie Wasser aus der Hand. Eines Tages sind sie dann spurlos verschwunden …. “

Sie hatte aufgehört. Es war absolut ruhig, und ich glaubte, den Geruch einer fernen Welt noch zu riechen. Wir standen noch immer dem leeren Platz gegenüber. Er mußte ausgefüllt werden.

Auf einmal drehte sie sich zu mir um und packte meine Arme. Sie reichte mir kaum bis zu Schulter, aber sie besaß eine erstaunliche Kraft.

“Du mußt jetzt wieder zurück, Du mußt es noch einmal versuchen!” Ihre Augen blitzten auf und fixierten mich mit einer Macht, der ich mich nicht entziehen konnte. Sie wirkten auf einmal merkwürdig tief, wie Brunnen, und ihre feste Stimme klang wie wie aus weiter Ferne: “Du kannst nur dann etwas verändern, wenn Du zurückgehst und es nochmals versuchst. Du warst dem Ziel doch schon so nahe! Du wirst zurückkehren und vergiß nie: Alles kommt wieder! …. “

Sie hatte recht. Ich mußte es auch für sie tun, denn nur wenn ich mein Ziel diesmal erreichte, konnte sie frei sein, konnte sie wie ich ausbrechen aus dem ewigen Kreis der Wandlungen. Ich war es ihr schuldig. Jetzt mußte ich nur noch in sie hineinfallen, durch ihre Augen einen Weg an alte Ufer finden und von vorne anfangen. Alles kam wieder. Sprache und Bilder aus der vergessenen Welt fielen auf mich zu, als ich durch die Tiefe ihrer Augen hineingesogen wurde in die Landschaft, die ich schon so oft gesehen hatte. Der Raum um mich verschwand, aber ich wußte, ich würde hierher zurückkommen. Jetzt gab es nur noch die Augen der Königin.

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